Karibische Weihnachten

Während andere sich für die Weihnachtstage auf den Weg in die Heimat zur Familie machten, packten wir unsere Koffer, um uns mit Freunden aus Hamburg in Kolumbien zu treffen.

Sanne und Stefan machen derzeit eine 7-monatige Südamerika Rundreise und unsere Wege sollen sich zum ersten Mal in Cartagena, an der Karibikküste Kolumbiens, kreuzen.

Cartagena hält alles was der Reiseführer verspricht. „Die schönste Stadt Kolumbiens“ ist kunterbunt, quirlig und der karibische Einfluss ist an jeder Ecke spürbar. Überall riecht es nach Früchten, aus den Häusern und Geschäften dröhnt Südamerikanische Musik und das Wetter ist wie aus dem Bilderbuch. Mit zum Teil über 37° Grad (gefühlt deutlich mehr) für uns Nordlichter fast schon einen Tick zu heiß und die Nächte sind dementsprechend kurz, denn die alte Klimaanlage unserer Unterkunft kommt nicht gegen die Hitze an.

Wir genießen den Urlaub und vor allem die bekannten Gesichter, die zwar auch nicht helfen Weihnachtsstimmung aufkommen zu lassen, aber zumindest ein Gefühl von Heimat in die Tropen bringen. Und das ist sehr sehr schön.

 

 

Heiligabend wollen wir zusammen mit Sanne, Stefan und drei ihrer Freunde aus deren Sprachschule verbringen. Die Schule hatte angeboten für uns 7 einen Tisch in einem „typisch kolumbianischen Restaurant“ zu reservieren. Also zogen wir uns was Nettes an und freuten uns darauf Weihnachten in einem fremden Kulturkreis zu verbringen. Was man hier an solch einem Tag wohl so isst? Was für Traditionen gibt es? Wir waren neugierig.

Bereits beim Betreten des „Restaurants“ haben wir erste Zweifel. Wir kommen in einen großen Raum mit ca. 10 schwarzen Tischen, die irgendwie an Schul-Cafeteria erinnern. Dem Anlass entsprechend hat man das festliche Neon-Deckenlicht angeschaltet, der Fernseher an der Wand zeigt Nachrichten. Von weihnachtlicher, gemütlicher Atmosphäre keine Spur. Mein Inneneinrichtungs-Herz setzt kurzzeitig aus.

Auf dem Weg zu unserem Tisch schielen wir auf die Teller der anderen Gäste. Reis mit Huhn und Pommes. Huhn mit Kartoffeln und Pommes. Und Reis. Pommes mit Reis und Kartoffeln. Und Huhn. Auweia. Nach Festmahl sieht das ja nicht aus. Na gut, erst mal setzen, bestimmt bekommen wir die Extra-Karte für das Weihnachtsmenü. Schließlich sind wir angemeldet. Wir bekommen die Speisekarten: beidseitig bedruckte, abgegrabbelte laminierte DIN A4 Zettel. Wir gucken uns kurz an, nicken uns zu und tun das einzig Richtige: wir gehen!

Bevor wir das Restaurant verlassen checken wir noch schnell, ob der Laden oben an der Ecke einen Tisch für 7 Personen hat. Der sah doch von außen so nett aus, das wäre sicher eine gute Alternative.

Wir haben Glück und man führt uns in unseren eigenen kleinen Bereich im 1. Stock. Warmes Licht, tolle Einrichtung, das Essen der Anderen sieht super aus. Geht doch. Wir bestellen erst mal eine Runde Mojitos und die sind wirklich außerordentlich lecker. Wir ordern Vorspeisen und Wein und sind froh hier her gekommen zu sein. Wir wundern uns kurz, wieso 3 verschiedene Kellner unsere Bestellungen aufnehmen, denken aber nicht weiter darüber nach, denn wir sind ja in Südamerika. Hier ist eben alles etwas anders. Die Vorspeisen kommen sehr spät und unvollständig.

Wir trinken Wein und eine weitere Runde Mojitos und so langsam sollten wir wirklich mal was essen. Nach 1,5 Stunden haben wir es aufgegeben nach den fehlenden Vorspeisen zu fragen, die bekommen wir eh nicht mehr und außerdem müssten ja jetzt so langsam mal die Hauptspeisen kommen.

Wir überspringen also den ersten Gang und fragen direkt nach dem eigentlichen Essen. „20 Minuten noch. Wir haben heute nur einen Koch.“ An Weihnachten nur einen Koch in die Küche zu stellen ist sicher nicht optimal geplant. Aber gut. Der Wein und die Mojitos tun ihr bestes und so lächeln wir verständnisvoll und trinken weiter. Das Ganze spielen wir 3 Mal. Doch auch die leckersten Cocktails ersetzen kein Hauptgericht und so verlassen wir nach 3 Stunden des Wartens und viel Diskussion hungrig auch dieses Restaurant. Immerhin eine Runde Cocktails auf’s Haus haben wir noch rausgehandelt. Na dann Prost!

Mittlerweile ist es fast Mitternacht und aus mehreren Quellen haben wir erfahren, dass es ein traditionelles Weihnachts-Feuerwerk geben soll. Wir verschieben das Essen also weiter nach hinten und torkeln in eine Bar mit Dachterrasse, die einen schönen Blick über die Dächer Cartagenas bietet. Mit einem Bier in der Hand stehen wir bei immer noch 28°Grad auf der Terrasse und gucken erwartungsvoll in den karibischen Himmel. Der aufmerksame Leser kann sich denken was jetzt passiert: nichts.

Selbstverständlich gab es kein angekündigtes Feuerwerk und wir beendeten die Nacht mit knurrenden Mägen an einem Hot Dog Stand in den Straßen der Altstadt. Feliz Navidad!

 

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Endlich was zu Essen!

Am 1. Weihnachtsfeiertag wissen wir es besser und machen es richtig. Zusammen mit Sanne und Stefan verbringen wir den Tag kitesurfend am Strand, bauen Schneemänner aus Sand und abends nutzen wir die kleine Dachterrasse unserer Unterkunft und tun das was wir am besten können: grillen 🙂

Wir haben selbstgemachte Salate, Fleisch, Gemüse und zum Nachtisch legen wir Ananas mit Schokolade auf’s Rost. Ein wunderschöner Tag mit guten Freunden am anderen Ende der Welt – wir sind sehr glücklich und können sogar schon über den Ablauf am Vorabend lachen.

 

Am 2. Weihnachtstag (den gibt es hier drüben nicht) verabschieden wir uns von unseren Freunden und machen uns auf den Weg nach Santa Marta, wo wir uns zum Jahreswechsel erneut treffen werden.

Für Santa Marta haben wir eine knappe Woche eingeplant, denn laut Lonely Planet (der Reisführer unseres Vertrauens) und anderen Quellen ist das neben Cartagena DIE Stadt an der Karibikküste Kolumbiens. Tolle Strände, tolle Umgebung und der Tayrona Nationalpark ist gleich um die Ecke.

Die Autoren, die das geschrieben haben waren entweder high oder wurden bestochen. Beides in Kolumbien nicht außergewöhnlich.

In Santa Marta ist es noch heißer als in Cartagena und schon die Fahrt dorthin verheißt nichts Gutes. Wir passieren Orte, die in ihrem eigenen Müll versinken. Verdreckte und ölige Gewässer, in denen Kinder spielen, Blechhütten und Schotterstraßen. Und überall dieser Müll. Bilder, die hängen bleiben.

Santa Marta selbst wäre wohl gern ein schöner Ort, doch kann man hier mit den Touristen-Massen einfach nicht mithalten. Die Straßen sind holprig und dreckig. Beim Spazieren gehen muss man aufpassen, dass man nicht in eins der Schlaglöcher fällt oder in einen Hundehaufen tritt. Die Hitze staut sich in den engen Gassen und es stinkt an jeder Ecke. Es gibt einen Markt, der sich über mehrere Blocks zieht. Auch Straßenhunde und Katzen besuchen diesen Markt sehr gern und in großer Anzahl. Die Stände für Gemüse, Obst, Fleisch, Elektronikartikel und Kleidung stehen dicht an dicht und die Lebensmittel liegen ungekühlt in der prallen Sonne. „Guten Tag, ich würde gern mit dem Gesundheitsamt sprechen.“ Einmal tief durchatmen bitte.

Das Highlight laut Lonely Planet ist der Parque de los Novios. Wenn es dunkel ist, hat dieser Ort durchaus Charme. Drum herum gibt es kleine Restaurants und alles ist mit Lichterketten geschmückt.

Bei Tageslicht allerdings findet man lediglich einen asphaltierten kleinen Platz voller Plastikmüll. Weniger einladend.

Wir machen einige Tagesausflüge. Zuerst fahren wir nach Minca. Das liegt in den Bergen und man läuft an Kaffeepflanzen vorbei zu einem kleinen Wasserfall.

 

Am nächsten Tag fahren wir in den Tayrona Nationalpark in dem es eigentlich nicht viel gibt, außer Dschungel und tatsächlich wunderschöne Strände. Unglücklicherweise ist Hauptsaison und viele Kolumbianer haben Urlaub. Es ist unglaublich voll.

 

An einem anderen Tag fahren wir nach Taganga, DEM Ort für Backpacker. Doch das „romantische Fischerdorf“ (Quelle: Lonely Planet) quillt vor (kolumbianischen) Touristen über (es ist wie gesagt Hauptsaison) und deren Umweltbewusstsein ist leider gleich null. Müll wird einfach an den Strand geschmissen oder auch gerne mal während der Busfahrt aus dem offenen Fenster. Es sieht also mindestens genau so schlimm aus wie in Santa Marta. Die Touristen kommen in Scharen, aber die Infrastruktur fehlt komplett. Der einzige Vorteil ist, dass es deshalb (noch) keine großen Hotels, Fast Food Ketten oder ähnliches gibt und so essen wir in einer kleinen Bude am Strand den frischesten und leckersten Fisch, den wir wohl je hatten.

 

Pünktlich zu Silvester kommen Sanne und Stefan in Santa Marta an. Da wir ja nun schon festgestellt haben, dass es dort nicht viel Schönes zu sehen gibt, nehmen wir den Bus Richtung Palomino, wo man auf großen Gummireifen einen Fluss entlang schippern kann. Das nennt man Tubing und wir können es kaum erwarten in See zu stechen.

An einem Hostel leihen wir uns die Reifen und hängen sie uns über die Schulter. Ein Moto-Taxi fährt uns einen halsbrecherischen Weg hinauf zum Fluss. Ich bin mit dem Festhalten des Reifens so beschäftigt, dass ich ein paar Mal fast das Gleichgewicht verliere und mich panisch am Motorroller festkralle. Über Stock und Stein düsen wir durch den Dschungel und als wir ankommen ist mein Puls in windigen Höhen. Besser als der Break Dancer auf dem Hamburger Dom! Und nein Mama, ich hatte natürlich keinen Helm auf, sorry! 😉

Bevor es losgeht müssen wir noch 20-30 Minuten bei tropischen Temperaturen in Flip Flops durch den Dschungel laufen. Hügel rauf, Hügel runter. Den sperrigen Reifen immer über der Schulter. Es ist furchtbar anstrengend, aber die Aussicht über den Regenwald von hier oben ist beeindruckend.

Das Wasser des Flusses ist angenehm kühl und wir machen uns auf die Reise Richtung Meer. Der erste Teil ist super lustig. Man lässt sich treiben, um einen herum nichts außer die Geräusche des Urwalds. Wir kommen sogar an einem Indianerdorf vorbei und die Einwohner haben gerade ihre Wäsche in dem Fluss gewaschen. Schon ein Erlebnis.

Doch irgendwann bin ich dann zu nah ans Ufer getrieben und habe mich mit meinem Shirt im Gestrüpp verhakt. Auf Grund der Strömung konnten die anderen nicht mehr anhalten und helfen. Nach einem kurzen Panikanfall konnte ich mich befreien, nur um mich kurz darauf wieder ans Ufer treiben zu lassen. Ich machte Bekanntschaft mit großen Spinnen und Ameisen und hatte dann relativ schnell genug vom idyllischen Treibenlassen. Nach meiner Begegnung mit der kolumbianischen Tierwelt am Flussufer war ich ehrlich gesagt froh, als die Fahrt nach etwa 3 Stunden dann zu Ende war.

Die Fahrt zurück nach Santa Marta (ca. 1,5 bis 3 Stunden, je nachdem an was für Busfahrer man gerät) war auch wieder ein Erlebnis. Wir müssen zwei Mal den Bus wechseln. Der erste hatte keine Lust mehr weiterzufahren und hat dem Bus vor uns mit Lichthupe zu verstehen gegeben, dass er anhalten und uns mitnehmen soll. Was dieser dann auch total selbstverständlich tat. Der zweite Bus fuhr aber nur bis an den Stadtrand, dort hieß es also erneut umsteigen.

Dass man sein Ticket nicht zwingend mit Geld bezahlen muss, lernten wir bereits auf der Hinfahrt. Ein selbsternannter „Medizinmann“ stieg kurz nach uns dazu und bezahlte seine Fahrt mit einer Flasche Cola. Er holte einen Schnellhefter heraus und fing an vom körperlichen Verfall zu erzählen. Unsere Ernährung sei grundlegend falsch und das ist schlecht für die Zähne und für die Knochen und eigentlich für alles. Um seine Aussagen zu untermauern, zeigte er in seinem Schnellhefter Fotos von verfaulten Zähnen und Schlimmeres, während er im Bus auf und ab ging. Glücklicherweise hatte er aber ein Pulver dabei, was gegen all die von ihm dramatisierten Wewehchen helfen soll. Normalerweise kostet eine Tüte magisches Pulver umgerechnet 2,50€. Es war aber gerade im Angebot und man hatte die einmalige Chance es für 0,80€ zu erwerben. Schnapper! Obwohl er wirklich außerordentlich überzeugend präsentiert hatte, haben wir natürlich nichts gekauft.

Aber zurück zum Thema: die Rückfahrt nach Santa Marta von Palomino. Die Busse halten willkürlich irgendwo an. Entweder wenn Leute einsteigen wollen, aber auch wenn der Busfahrer oder sein Kollege, der das Geld kassiert, private Anliegen haben. Haben der Busfahrer oder sein Kumpel z.B. Durst, fährt man schnell rechts ran und geht in den nächsten Kiosk. Sieht man ein bekanntes Gesicht am Straßenrand, wird gebremst und erst mal geschnackt.

Mittlerweile war es ja dunkel draußen und irgendwo an der unbeleuchteten Landstraße stieg ein Typ ein, der seine Fahrt mit Silvesterknallern bezahlte. Nicht ungewöhnlich, war ja Silvester. Auch dieser Mann wollte seine Ware an die Gäste bringen. Um möglichst überzeugend zu beweisen, dass er wirklich ganz tolle Knaller hat, zündet er diese zu Demonstrationszwecken. Im Bus. Während der Fahrt. Seine Strategie geht auf, er ist der Star des Abends und verkauft fleißig Böller und Co. Oh Südamerika. Du bist sonderbar.

 

Für den Silvesterabend haben wir uns ein kleines Restaurant bei TripAdvisor rausgesucht, was durchgängig sehr gute Bewertungen hat. Das Essen war auch wirklich gut, es wäre nur schön gewesen, wenn wir alle gleichzeitig hätten essen können. Sanne und Stefan haben ihre Teller aber erst bekommen, als Helge und ich schon fast fertig waren. Die zuckersüße Kellnerin sorgte dennoch für gute Stimmung, da sie jedem Gast bei dem etwas nicht rund lief (gewünschtes Essen ausverkauft, kein Tisch mehr frei, Essen dauert noch etwas länger…) ein herzerwärmendes „Que pena para ustedes“ zuwarf, was frei übersetzt soviel heißt wie „Wie schade für euch“. Selbst meine Sprachlehrer mussten lachen und bestätigten, dass man das so einfach nicht sagt. Herrlich!

Auf der Dachterasse unseres Apartments haben wir das neue Jahr – typisch kolumbianisch – mit Cola-Rum eingeläutet. Immerhin gab es diesmal ein paar Raketen zu beobachten.

Danach wollten wir noch mal ne Runde tanzen gehen, aber irgendwie war auf den Straßen nichts mehr los. „Wie schade für uns“.

Es waren erlebnisreiche Tage in Kolumbien und wieder einmal hat dieser Trip uns gezeigt: Südamerika ist nicht gleich Südamerika.

Und auf dem Weg zurück nach Lima wird mir zum ersten Mal bewusst, dass es jetzt nach Hause geht. Nach Lima. Schön 🙂

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3 Gedanken zu “Karibische Weihnachten

  1. Sehr schön geschrieben und grandiose Fotos. Karibikfeeling pur. Es ist schon spannend, wie unterschiedlich die Feiertage dort abzulaufen scheinen. Ihr habt bestimmt das Beste draus gemacht und Kolumbien steht nicht das letzte Mal auf der Reiseliste.

    Schön übrigens, dass du das Thema Reis nicht aus den Augen verlierst… und ich würde ja gerne mal Helges Darstellung zur Freiwilligkeit des Fischkopfessens hören ! ;))

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    1. Auf keinen Fall war es das letzte mal in Kolumbien. Das war ja nun auch nur die Karibikseite. Fehlt komplett das Landesinnere und Städte wie Bogotá, Medellin oder Cali.

      Und noch mal danke für die netten Worte. Freue mich, wenn die Daheimgeblieben gerne lesen.

      An der Kopfseite war mehr dran. Glaube das ist die einzig logische Erklärung. Und ich hab vielleicht ein bisschen oft gesagt, wie eklig ich das mit den Augen finde 😀

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