Falsche Frequenz

Nach viel zu langer Schreibpause melde ich mich nun endlich mit einem neuen Blogeintrag zurück. Für die lange Funkstille habe ich folgende Ausrede parat:

Nachdem wir aus Kolumbien zurückgekehrt sind, haben wir noch einen kleinen Abstecher nach Brasilien gemacht, wo wir Helge’s berufliche Pflichten in São Paulo mit einem langen Wochenende in Rio de Janeiro kombiniert haben. Danach waren wir wieder eine Woche in Lima, wo ich erfolgreich mein Spanisch Level A2 beendet habe – große Freude!

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Sao Paulo
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Rio de Janeiro vom Zuckerhut aus
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Rio vom Zuckerhut, rechts im Hintergrund die Christus Statue
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Praktisch, wenn man Freunde auf der ganzen Welt hat. Raphael zeigt uns seine Stadt.
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Den Zuckerhut im Visier

 

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Copacapana – hinten links der Zuckerhut

 

Direkt danach ging es für mich ins regnerisch kalte Norddeutschland, hauptsächlich um mit meiner Oma ihren 80. Geburtstag zu feiern. Nach einem gut 2-wöchigen Besuchsmarathon in der alten Heimat, der schön und stressig zugleich war, empfing mich Lima von der Schokoladenseite mit allerbestem Sommerwetter.

Jetzt sind wir zurück im Alltag (Arbeit und Schule), genießen das Wahnsinnswetter und sind dabei unsere Bude weiter auf Vordermann zu bringen. Und ich finde endlich wieder etwas Zeit zum Schreiben.

Als wir Ende Dezember unseren Container aus Hamburg in Empfang nahmen, befanden sich darin auch unser Kühlschrank, die Waschmaschine und der Geschirrspüler, welche schnell in Betrieb genommen werden sollten. Da kam dann einer, der uns die beiden Saubermach-Geräte an die hiesigen Wasseranschlüsse angeschlossen hat. Das hat überraschender Weise super funktioniert. Kurz angemacht, Wasser Marsch, super, läuft.

Ihr könnt euch denken, dass jetzt noch was kommt, sonst würde ich das ja nicht aufschreiben.

Man sagt, man wächst mit seinen Aufgaben und im Fall Waschmaschine und Geschirrspüler möchte ich sagen, dass Helge nun Experte ist. Nachdem er tagelang mit chirurgischem Feingefühl versucht hat herauszufinden wieso beide Geräte nicht richtig laufen bzw. abpumpen, fand er heraus, dass wir bereits vor dem Umzug einen entscheidenen Punkt übersehen hatten: die Frequenz. Wir haben immer nur auf die Spannung von 220V geachtet, die in Peru und auch in Deutschland Standard ist. Was keiner von uns bedacht hat ist, dass elektrische Geräte auch eine bestimmte Frequenz haben. Während das in Deutschland 50Hz sind, sind es in Peru 60Hz. Also gut, ich bin froh, wenn ich die Dinger bedienen kann. An sowas hätte ich niemals gedacht, aber man lernt ja nie aus.

Kurz gesagt: Kühlschrank, Waschmaschine und auch der Geschirrspüler laufen hier drüben nicht. Man kann das umbauen lassen und sowas, aber erstens würde das hier wahrscheinlich eh nicht gut ausgehen und außerdem hat Helge eine Klausel in seinem Vertrag, die besagt, dass die Firma dann neue Geräte stellt, sollten die alten aus technischen Gründen im neuen Land nicht laufen. Das ist natürlich eine super Sache, auf der andern Seite: wir hätten uns von Tag 1 in Peru diese Geräte kaufen können und vor allem unsere alten in Deutschland verkaufen können. Najaaaa, kurz geärgert, nützt ja nix. Mittlerweile haben wir einen großen Kühlschrank und auch die neue Spülmaschine wurde liebevoll in der Familie B. aufgenommen.

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Der alte Geschirrspüler muss erst mal auslüften. Am besten natürlich auf der Terrasse.

Mit dem Kauf der Waschmaschine mussten wir noch warten, weil zur Zeit keine Bosch Geräte verfügbar waren. Klar, passiert. Sie soll aber jetzt die Woche geliefert werden und dann können wir endlich zu Hause waschen und müssen nicht mehrmals die Woche zur Wäscherei unseres Vertrauens laufen. Die kennen mich da schon so gut, dass sie in dem Moment in dem die mich sehen schon meinen Namen auf den Abholzettel schreiben, da muss ich gar nichts mehr sagen. Die Schreibweise variierte dabei oft. Ivy, Efi, Evy, Ifi,…. na ist ja auch nicht so leicht 🙂

 

Tatsächlich musste ich ganz schön überlegen, worüber ich hier denn als nächstes berichten kann. Und erst als wir letzte Woche unseren ersten Besuch aus Deutschland empfangen haben, der natürlich mit ganz anderen Augen diese Stadt erlebt als wir, ist mir bewusst geworden, wie selbstverständlich der tägliche Wahnsinn in Lima für uns schon geworden ist.

Wir hatten Besuch von Sanne und Stefan aus Hamburg, die gerade ihre 7-monatige Südamerika Reise machen und mit denen wir uns bereits in Kolumbien zu Weihnachten und Silvester getroffen hatten. Und wer könnte die Kuriositäten in Lima besser beschreiben als Sanne, die hier eine Woche lang mit mir zur Schule gegangen ist und alles aus nächster Nähe miterlebt hat.

Sanne schreibt:
19.– 29. Februar: Lima

Während Stefan den Dschungel unsicher macht und im Boot auf dem Amazonas rumschaukelt, habe ich eine Woche bei meiner Freundin Evi in Lima verbracht. Evi ist mit ihrem Mann Helge im November letzten Jahres nach Peru ausgewandert. Zur Zeit sind die zwei dabei, sich einzurichten und sich zu Hause zu fühlen. Dass sie dabei den täglichen Wahnsinn in Südamerikas Chaos aushalten müssen habe ich völlig unterschätzt. Hier meine Highlights:

1. Alles fing damit an, dass wir mit dem Bus nach Lima einfahren. Evi und Helge wollten uns vom Busbahnhof abholen. Ehrensache. Und normalerweise kein Problem in Deutschland. In diesem Fall wurde das zur Geduldsprobe, denn in der Einfahrt des Busterminals hatte ein Herr so geparkt, dass der Bus (mit Stefan und mir drin) nicht einfahren konnte. Aus Sicherheitsgründen dürfen wir aber auch nicht aussteigen. Also was tun? In Deutschland würde man an dieser Stelle wohl anfangen zu hupen bis der Besitzer angelaufen kommt und seinen Wagen wegfährt. Das war hier aber gar nicht nötig, denn der Fahrer saß ja immer noch im Auto. Dass er nicht nur den Bus sondern dadurch auch den kompletten Straßenverkehr lahmlegt, stört ihn offensichtlich wenig. Wir sehen unsere Abholer verzweifelt warten. Andere Passanten versuchen den Autofahrer zum Wegfahren zu bewegen. Kein Erfolg. Ein Polizist kommt dazu, kann er was bewegen? Nein, auch er bekniet den Fahrer ohne Erfolg. Bußgeld wegen Falschparken? Nix da.
Irgendwann fährt er dann aber doch noch los…

2. Apropos falsches Parken. Im Stadtteil von Evi und Helge bekommen Falschparker keinen Strafzettel, sondern einen großen Sticker in Form eines„Daumen runter“ mit der sinngemäßen Aufschrift „Ich habe sehr schlecht eingeparkt“. Und das war’s.

3. Überhaupt scheinen die Polizisten hier, wie auch überall in Peru, wie Erzieher. Sie sollen den Verkehrsteilnehmern die Verkehrsregeln nahe bringen. Ihre Hauptaufgabe liegt darin, an Ampeln zu stehen und mit einer Trillerpfeife den Verkehrsteilnehmer zu dirigieren. „Ja“, denkt sich jetzt der ein oder andere, „ist ja ganz normal, wenn die Ampel nicht funktioniert.“ Falsch gedacht! Die stehen da auch bei funktionierender Ampel, weil ansonsten keiner die Ampel beachtet.

4. Zum Thema Verkehrsteilnehmer kann ich auch noch etwas berichten. Denn ich würde mich direkt mal aus dem Fenster lehnen und behaupten, dass 95 Prozent der Fahrzeuge in Lima bei uns in Deutschland nicht durch den TÜV kommen würden. Manche, weil sie einfach nur runtergerockt sind, andere weil sie wie selbst zusammen gelötet aussehen und nicht mal klar ist, ob es sich dabei um ein Mofa, Tuck Tuck oder um einen Bollerwagen handelt.

5. Dann gibt es da noch eine Reihe an Eis-Ich-AGs. Diese lustigen kleinen gelben Eis-Wagen, die von den Verkäufern in gelben Shirts durch die Gegend geschoben werden, gibt es in Lima wie Sand am Meer. Zum Teil stehen sie alle nebeneinander. Ein trauriger Beweis dafür, was ein Lehrer der Sprachschule mir erklärte: In Peru arbeiten 75% der Beschäftigten schwarz.

6. Wenn man dann so in Lima rumschlendert, fällt einem unweigerlich eine Mode auf, die ich mir bis jetzt noch nicht erklären kann: Männer, ich möchte mal betonen meist dicke Männer, laufen hier bauchfrei rum. T-Shirt hochgekrempelt, so dass einem die ganze Wampe entgegen glänzt. Widerlich. (Anm. Evi: gerne wird sich der entblößte Bauch dann auch genüsslich gekrault. Wenn man z.B. an einer Ampel wartet oder im Supermarkt durch die Regale schlendert.)

7. Geht man in Lima einkaufen, wird man direkt von Effizienz erschlagen. Denn an zwei Kassen stehen dann acht Verkäufer, die sich dann gegenseitig beraten während nur einer die Kunden bedient.

8. Es ist außerdem üblich, dass man erst zahlt, einen Bon erhält und mit dem dann zu einem anderen Schalter geht, dort dann nochmal erklärt, was man haben möchte und dann seine Ware bekommt. Dieses System wurde mir ausgerechnet in einer Eisdiele zum Verhängnis. An der Kasse bestellte ich eine Kugel Eis in der Waffel mit M&M-Topping. Klang spannend. Klang schokoladig. Nachdem ich bezahlt hatte und der nächsten Verkäuferin meinen Zettel in die Hand drückte, fing sie ganz normal an, meine Kugel Eis auf die Waffel zu setzen und wollte mir das Eis schon über die Theke reichen. Auf die Frage ob ich noch mein Topping bekäme, wurde mir erklärt, dass ja M&Ms auf der Waffel runterfallen und ich dafür einen Becher bräuchte, ich hatte ja nun die Waffel bestellt. Joah. Guter Punkt, tatsächlich hatte ich mir die Frage der Befestigung auch schon gestellt, dann aber der südamerikanischen Kreativität vertraut… Zu Recht. Meine Kugel wurde kurzfristig wieder von der Waffel entfernt, die Waffel mit M&Ms gefüllt und die Kugel dann wieder oben drauf gesetzt. Läuft.

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Sanne mit M&M“Topping“, was sich in diesem Fall nicht on top, sodern ganz unten versteckt hat.

9. Wenn man in Peru Gäste einlädt, MUSS man diese Einladung in jedem Fall kurz vorher nochmal bestätigen. So saßen wir an einem Abend zu Hause und haben auf Helges Arbeitskollegen gewartet. Die Grill-Vorbereitungen waren in vollem Gange, als eine SMS kam, ob denn die Einladung steht, denn man würde noch auf eine Bestätigung warten…

10. Mein absolutes Highlight war jedoch der Kauf einer Spülmaschine. Keine einfache Sache in Peru, wo es normal ist, eine Haushaltshilfe zu haben, die günstiger ist als jede Spülmaschine. In ganz Lima gibt es also einen einzigen Laden der dann auch genau drei Modelle hat. Dort haben sich die beiden dann eine Spülmaschine gekauft. Einen Kühlschrank zu finden war dann schon einfacher. Für die Lieferung wurde ihnen Freitag als Lieferzeitpunkt genannt. Gegen Aufpreis durften sie den Zeitraum näher eingrenzen. Wow, unerwartete Organisiertheit. Doch…zu früh gefreut. Denn anstatt Freitag zwischen 2 und 4 („auf keinen Fall vormittags, da arbeiten wir“), wurde dann bereits Mittwoch (rate mal!) vormittags geliefert. (Anm. Evi: Ich sitze in der Schule und bekomme einen Anruf: „Hallo! Wir stehen vor der Tür und wollen den Kühlschrank liefern.“ „Das geht nicht, es ist keiner da und wir haben doch für Freitag bestellt?!“ „Ach so. Hm ja. Dann warten wir hier. Wann sind Sie denn zu Hause?“ „So in 2 Stunden.“ „Ach nee okay, dann kommen wir Freitag!“ Als wir zwei Stunden später nach Hause kamen standen da 4 Leute mit unserem Kühlschrank und haben gewartet…)

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Der erste Besuch! Das war schööööön!

Besser hätte ich es auch nicht erzählen können. Also, liebe zukünftige Besucher, macht euch auf was gefasst. Wir sind anscheinend schon gut an das Leben hier gewöhnt, aber für die meisten wird es ein kleiner Kulturschock werden. 🙂

Ich versuche nicht all zu sehr die Lebensweise zu adaptieren, damit ich bald wieder etwas zum Schreiben habe!

Hasta pronto,

Evi

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